Zur Geschichte des Objektes, Scharnhorststraße 9
und auch zur Stadtgeschichte
Die Entstehung unseres heutigen Domizils verdanken wir dem Unternehmertum
vergangener Jahrhunderte. Zugleich verkörpert dies auch die Stadtgeschichte.
Erstmals im Jahre 1694 wurde das als Stammgärtnerei geführte
Objekt in den Kirchenbüchern der St. Petriekirche erwähnt.
Zur damaligen Zeit war diese im Besitz des Kunst- und Lustgärtners
Andreas Schmidt und wechselte in fortlaufender Geschlechterfolge stets
seinen Besitzer bis zum Tage des 05. März 1861, an dem Christian
Bertram den Betrieb erwarb und letzten Endes diesem seinen endgültigen
Namen Firma "Chr. Bertram" und "Joachim E. Mohrenweiser"
gab.
In
den ersten Jahren nach der Gründerzeit wurde das Geschäft unter
unermüdlicher Leitung als Handelsgärtnerei mit Kranzbinderei,
Pflanzen-, Obst-, Gemüse- und Blumenzucht betrieben. Doch bald wandte
sich Christian Bertram der damals erwachenden Samenzucht im Großen
zu.
Das Einführen von Blumensamen unter botanischen Namen ermöglichte
einen länderumfassenden Austausch und Handel. Weit über Deutschlands
Grenzen wurden Stendaler Samen begehrt. Neben Blumensamen fanden Gemüse-
und Feldsamen liebevolle Pflege, die bereits seit Jahrzehnten ihren Platz
im Samenhandel behaupteten. Auch die Baumschulen der Firma Chr. Bertrams
wurden vom Gründer mit der gleichen Ausdauer und Hingabe entwickelt
und gefördert.
Noch zu Lebzeiten Chr. Bertrams wurde der Ruf der Firma in weiten Kreisen
Deutschlands und darüber hinaus begründet, wie aus einer zeitgeschichtlichen
Dokumentation zu erfahren ist. Die Firma muß einmal zu den größeren
Arbeitgebern der Stadt gehört haben.
Am Standort unseres Bürohauses befand sich vorher unmittelbar an
der Straße gelegen ein größerer Fachwerkbau, wahrscheinlich
das alte Wohnhaus, das wohl später abgerissen wurde. Unser Objekt
wurde um 1886 im Stile der Gründerzeit errichtet. Es handelt sich
um ein Einzeldenkmal. Besonders prägend sind auch heute noch die
bossierten Sandsteine, der Stuck an der Fassade und die vollständig
sanierten Stuckdecken in den heutigen Arbeitszimmern.
Zum Anwesen der Samenhandlung Bertram gehörten weite Teile des heutigen
Wohngebietes "Stadtsee" und ebenfalls die Bauflächen, auf
denen überwiegend in der Jugendstilphase bis zum Ende der 20er Jahre
die Häuser des später so genannten Villenvirtels errichtet wurden.
Auch das Speichergebäude, welches auf dem Gelände des neuen
Wohnparks auf der gegenüber liegenden Straßenseite stand und
das auf der hiesigen Straßenseite stehende Speicherfachwerkgebäude
waren Teil des Bertramschen Besitzes.
Das
Gründerzeithaus unseres Domizils und das im gleichen Stil erbaute
Haus auf der anderen Straßenseite wirkten wohl wie ein Tor, durch
das man auf die Stadt Stendal zukam. Die heutige Scharnhorststraße
hieß noch um die Jahrhundertwende Gardelegener Straße und
mag früher einmal als Heerstraße Richtung Hannover gedient
haben. So ist es wohl auch kein Zufall, dass hier früher ein Husarenregiment
stationiert war.Teile der ehemaligen Kasernengebäude werden heute
als Justizzentrum "Albrecht der Bär" genutzt und sind hervorragend
restauriert und auf´s modernste eingerichtet.
Was aus dem ehemaligen Wohlstand der Bertrams geworden ist, wir wissen
es nicht.
Mit dem Ende des 2. Weltkrieges erfolgte jedoch ein jäher Wechsel
in der Geschichte des Viertels. Zunächst zogen die Schotten mit klingendem
Dudelsackspiel in die Kasernen. Schon bald gaben diese die Militärhoheit
an die sowjetische Besatzungsmacht ab, die das gesamte Stadtviertel übernahmen
und Stück für Stück einmauerten. Diese Besatzung dauerte
hier bis 1993.
Unser Objekt fiel dann unter die Verfügungsgewalt des Bundes und
wurde Ende 1995 verkauft. Seit September 1997 konnte es endgültig
seiner heutigen Nutzung zugeführt werden.
Seitdem ist es ein Beispiel für die Schönheit früherer
Baukunst und reiht sich ein in eine Liste hunderter sanierter Bürgerhäuser
der Innenstadt Stendals.
Wer Stendal aus früheren Jahren kennt, sollte einmal wieder einen
Besuch wagen. Wie kaum eine andere Kreisstadt der neuen Bundesländer
ist es hier gelungen so viele Häuser nach 1990 wieder in altem, neuem
Glanz erstrahlen zu lassen. Sanierte Fachwerkhäuser aus dem 16. bis
18. Jahrhundert, prunkvolle Gründerzeithäuser, vereinzelter
Barock und blumiger Jugendstil sind reichhaltig zu finden.
|